Folgender Brief wurde vom Kameraden Tobias Guggenmoser an das Netzportal "Mut gegen rechte Gewalt" (http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/) geschickt, in der er auf den Missbrauch von kaiserlichen und anderen deutschen bzw. preußischen Symbolen durch Rechtsextreme hinweist.
Sehr geehrte Damen und Herren,
zunächst einmal muss ich Ihnen meine Anerkennung aussprechen, dass Sie sich
dem Kampf gegen das rechtsextreme Gedankengut verschrieben haben. Dazu gehört
auch heutzutage viel Rückgrat und Zivilcourage.
Ich möchte Sie auf etwas hinweisen, das im Vergleich zu den Menschen, die täglich direkte oder auch indirekte (durch Angstkampagnen etc.) Opfer rechter Gewalt werden, eher nebensächlich erscheint, bei näherer Betrachtung aber eine der schlimmsten Begleiterscheinungen rechtsextremer Aktivitäten ist. Es ist dies der Missbrauch von Symbolen der deutschen Geschichte, die mit der Nazi-Diktatur nichts zu tun haben, ja teilweise sogar im direkten Widerspruch zur rechten Ideologie stehen.
Da sie ihr "eigenes" Symbol, das Hakenkreuz (das im Übrigen auch gestohlen ist; es wurde seit Urzeiten von diversen Völkern auf der Erde benutzt), nicht öffentlich zeigen dürfen, bedienen sich die Rechtsextremen von NPD, DVU, und wie sie alle heißen, unter anderem der Flagge "Schwarz-Weiß-Rot". Dies tun sie aus einer geschichtlichen Ignoranz heraus, die für sie typisch ist, sich aber leider nicht auf ihre Kreise allein beschränkt. Falls Sie über die Geschichte dieser Fahne bereits bescheid wissen, verzeihen Sie mir bitte die folgende "Belehrung". Viele Menschen (die meisten!) kennen sie nicht, und das Ergebnis sehen Sie bei den Aufmärschen der rechten Kahl- und Hohlköpfe! Die schwarz-weiß-rote Trikolore war zunächst die Marineflagge des Norddeutschen Bundes, der 1867 gegründet wurde infolge des Deutsch-Deutschen (d.h. Preußisch-Österreichischen) Krieges. Unter den Mitgliedern dieses Bundes besaßen nur die alten Hansestädte und das Königreich Preußen eine Kriegs- und Handelsmarine; deshalb setzte man die Flagge aus Schwarz und Weiß, den Farben Preußens, sowie Weiß und Rot, den Farben der Hansestädte, zusammen.
Im Jahre 1871 dann wurde im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Reich gegründet und der Deutsche Kaiser, der in Personalunion König von Preußen war, proklamiert. Aufgrund der dominierenden Stellung Preußens und des ehemaligen Norddeutschen Bundes im neuen deutschen Nationalstaat wurde in der Reichsverfassung die Flagge Schwarz-Weiß-Rot übernommen.
In der Weimarer Republik wollte man an die Einigungsbestrebungen von 1848 erinnern, und so wählte man die Farben Schwarz-Rot-Gold. Schwarz und Gold bzw. Gelb waren hierbei die Farben des alten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, sowie später des kaiserlichen Österreich. Daher war Schwarz-Rot-Gold auch unter Anhängern eines sogenannten "großdeutschen" Staates, der Österreich einschloss, beliebt. Schwarz-Weiß-Rot blieb indes auf Protest der Hansestädte hin Marineflagge der Weimarer Republik. Viele Deutsche konnten sich mit Schwarz-Rot-Gold auch nicht so recht identifizieren; für viele blieb Schwarz-Weiß-Rot die "wahre" deutsche Flagge. Da sich die Nationalsozialisten in ihrer Anfangszeit darauf verlassen mussten, an den Patriotismus der Menschen zu appelieren, hatte das Deutsche Reich ab 1933 kurzzeitig zwei Flaggen: Die Hakenkreuzflagge der Nazis und die schwarz-weiß-rote Flagge des früheren Kaiserreichs.
Einmal an der Spitze des Staates etabliert und die Propagandamaschinerie in Gang gesetzt, brauchte es dieses Tricks nicht mehr: Die schwarz-weiß-rote Flagge wurde schon 1935 wieder abgeschafft. Ja, mehr noch: Sie wurde unter Strafe verboten! Der Grund hierfür war, dass es ihnen nie wirklich gelungen war, der Fahne ihre alte Bedeutung zu nehmen.
Im Dritten Reich gab es viele Kaisertreue, die mit dem neuen Regime überhaupt nichts anfangen konnten, allen voran der "Bund der Aufrechten" und die "Kaisertreue Jugend", die ebenfalls verboten wurden - als "Reaktionäre", gegen die die Braunen ja auch so schön in ihrem "Horst-Wessel-Lied" hetzten und es immer noch tun.
Im Laufe der Nazi-Diktatur wurden unzählige kaisertreue deutsche Patrioten in Konzentrationslagern ermordet. Entweder, weil sie Juden waren, oder weil sie ihre Gesinnung allzu offen kundtaten - oder aus sonst einem rassistischen oder politischen Motiv heraus. Auch die leider gescheiterte Widerstandsgruppe um Graf von Stauffenberg bestand zum großen Teil aus Kaisertreuen, die sowohl die Monarchie als auch die alte Fahne nach einem gelungenen Attentat auf Hitler wieder einführen wollten und dies auch bereits vorbereitet hatten. All diese aufrechten Menschen bekannten sich zur Flagge Schwarz-Weiß-Rot. Heute benutzen diejenigen, die den Mord an ihnen und vielen anderen Menschen leugnen, verharmlosen oder gar gutheißen, eben diese Farben und beschmutzen damit ihr Andenken. Und viele Leute spielen ihnen - aus Unwissenheit - in die Hände, wenn sie historisch interessierten Sammlern, Nostalgikern, Patrioten und Kaisertreuen (Ja, die gibt's auch noch!), die schwarz-weiß-rote Flaggen benutzen bzw. einfach besitzen, Nähe zum Rechtsextremismus unterstellen. Ähnliches passiert momentan mit dem Namen, den Farben und der Flagge des Königreichs Preußen.
Es gehört ein geradezu ungeheurliches Maß Dreistigkeit dazu, im Namen Preußens Intoleranz gegen Ausländer und Angehörige anderer Religionen zu predigen! Als eines der ersten Länder Europas schaffte Preußen die Folter und andere Unrechtspraktiken ab und gewährte allen Einwohnern Religionsfreiheit:
"Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sie ausüben, ehrliche Leute sind; und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir Moscheen und Kirchen bauen." (Friedrich II.)
Außerdem stellte Preußen den Vorläufer unseres modernen Rechtsstaates dar, in dem auch der König sich vor Gericht zu verantworten hatte, nach dem Staatsmotto: "Suum cuique" ("Jedem das Seine"). Alles wohl kaum im Sinne der Rechtsextremisten. Deshalb setzten sie auch die Lettern "Jedem das Seine" auf den Torbogen des KZ Buchenwald - damals wie heute nehmen sie preußische und deutsche Symbole und pervertieren sie für ihren Rassenwahn! Ein weiteres Ärgernis ist der rechtsextreme Anklang, den die alten deutschen Schriftsätze (vor allem die Frakturschrift) heute "genießen". Auch diese Schriften wurden von den Nazis zwar (wie von allen Deutschen damals) benutzt, aber in den 40er Jahren verboten. Sie sähen "nicht arisch" aus und seien "jüdischen Ursprungs"!
Die Nazis haben mit ihrem Hass, ihren Kriegen und Morden zwölf Jahre der deutschen Geschichte bestimmt und unser Ansehen in der Welt, unser nationales Selbstbild und den kulturellen Reichtum unseres Landes auf Dauer beschädigt. Erst allmählich haben wir überhaupt begonnen, uns davon zu erholen. Lassen wir nicht zu, dass sie sich darüber hinaus auch noch des Restes unserer geschichtlichen und kulturellen Identität bemächtigen. Die Vergewaltigung des Hakenkreuzes, die diesem völlig unschuldigen, interkulturell gebräuchlichen Symbol einen ewigen braunen Stempel aufgedrückt hat, darf sich nicht wiederholen!
Bitte weisen Sie so oft es geht darauf hin, dass die von der NPD und anderen rechtsextremen Organisationen gezeigten Flaggen wie die schwarz-weiß-rote Trikolore, die Kriegsflagge der Kaiserlichen Marine, die Fahnen Preußens und viele andere Symbole, die man auf ihren Aufmärschen und Kundgebungen sieht, von ihnen gestohlen und missbraucht werden! So helfen Sie, die Neo-Nazis der wohlverdienten Lächerlichkeit preiszugeben sowie wichtige geistige Kulturgüter unseres Landes vor ihnen zu retten.
Dies könnte auf vielfältige Weise geschehen. Eine kurze Erwähnung vielleicht, wenn Sie über rechte Aufmärsche berichten, bei denen z.B. Schwarz-Weiß-Rot zu sehen war. Oder ein kleiner Informationsbereich auf Ihrer Internetseite. Oder an entsprechender Stelle ein Verweis auf externe Quellen, z.B. die entsprechenden Wikipedia-Artikel. Wenn Sie wollen, können Sie auch diesen Brief veröffentlichen und ihn an andere, gleichgesinnte Organisationen weiterleiten - um letzteres möchte ich Sie sogar inständig bitten. Aber Sie wissen sicherlich selbst am besten, wie man die Menschen informiert! Aufklärung ist das beste - nein, einzige! - Mittel, den Rechtsextremen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dazu gehört, neben des Wachhaltens der Erinnerung an die Nazi-Verbrechen, auch ein zumindest grundlegendes Verständnis der übrigen deutschen Geschichte. Mit ihren schäbigen Methoden versuchen die Neonazis nämlich nichts Geringeres, als ein Monopol auf Deutschland, seine Geschichte und seine Tradition in den Köpfen der Menschen zu erhalten. Denn "Wer die Vergangenheit kontrolliert, der beherrscht die Zukunft" (George Orwell in "1984").
Ich hoffe, dass ich Sie von der Wichtigkeit meines Anliegens überzeugen konnte, und wünsche Ihnen gutes Gelingen bei Ihrer weiteren Tätigkeit.
Es grüßt Sie
Tobias Guggenmoser